Naturwissenschaftliche Bildung in Europa – Teil 3: Deutschland

Von einer sehr persönlichen Perspektive aus werde ich mal versuchen, eine Art Eindruck der universitären Bildung in Naturwissenschaften in Europa zu geben. Chronologisch – wie ich sie erfahren habe.

In Deutschland habe ich die letzten beiden Semester des Masterstudiengangs Materialwissenschaften der TU Darmstadt verbracht. Während ich im ersten dieser Semester Vorlesungen und Praktika hatte, war das letztere für die Masterarbeit reserviert. Dieser Artikel wird sich auf ersteres beschränken, da ich nur eine Masterarbeit schrieb und mir damit die Basis für einen europaweiten Vergleich fehlt.

Obwohl ich diesbezüglich von Freunden auch andere Berichte gehört habe, war das Dozenten-Studenten-Verhältnis an der TU Darmstadt geradezu traumhaft. Im Schnitt saßen maximal zwanzig Leute in einer Vorlesung. Diese wurden in erster Linie als Vorträge gehalten, und sorgfältiges Nachbereiten des Stoffes war durchaus zu empfehlen, wenn man tatsächlich begreifen wollte.

Die Praktika waren zum Großteil lehrreich und vermittelten eine doch recht große Auswahl an verschiedenen Messmethoden. Das große Plus dieser Praktika war das Kolloquium zu Beginn. Dieses diente zur Überprüfung der Vorbereitung, also des Einarbeitens in das Praktikum. Bestand man das Kolloquium nicht, musste man das Praktikum nachholen. Obwohl das den Aufwand natürlich erheblich vergrößerte, wussten die Studenten wenigstens, was sie tun, wenn sie auf “Messung starten” klicken. Die Berichte wurden zweimal korrigiert: nach einer Erstkorrektur mit darauf folgender Besprechung erhielt man die Möglichkeit, Fehler nachzubessern und damit die Endnote aufzupolieren. Persönlich finde ich die Idee gar nicht schlecht, da die Studenten zu Beginn keinerlei Einweisung in wissenschaftliches Arbeiten bekommen und diese Nachbesprechungen daher eine Art Training in Softskills ist. Im Masterstudiengang jedoch führte es zu einer großen Arbeitsbelastung zusätzlich zu den Vorlesungen und Seminaren.

Der offensichtliche Mangel an Trainingsmöglichkeiten in Bezug auf mündliche Vorträge und dem Schreiben von Berichten führte zu bisweilen unsäglich schlechte gehaltenen Seminarbeiträgen. Erstaunlicherweise ließ auch die Qualität des verpflichtenden Englischunterrichts zu wünschen übrig: während manche Studenten (natürlich in erster Linie die mit Auslandssemestern) sehr gut sprachen und auch flüssige Vorträge hielten, konnten andere nicht einmal einfache Fragen ausformulieren.

Von der Struktur her erlaubte die Materialwissenschaftsfakultät beträchtliche Freiheiten. Nicht nur im eigenen Fachbereich konnte ein Großteil der Vorlesungen frei gewählt werden, auch konnten Kurse in der Chemie, Physik, bei den Maschinenbauern oder Informatikern angerechnet werden. Ein großes Plus waren auch die Fremdsprachenmöglichkeiten, welche angemessen viele Credits einbrachten: von Chinesisch über Japanisch, Französisch bis Russisch konnte man über das Sprachenzentrum seine Fähigkeiten entwickeln und verbessern.

Die Qualität der Vorlesungen war im Schnitt ausgesprochen gut, mit hoher Motivation der meisten Dozenten, von denen viele auch die Fähigkeit besaßen, freie Vorträge mit ergänzenden Ausführungen an der Tafel zu halten, statt sich auf Teufel komm raus an eine PowerPoint Präsentation zu klemmen.

Schwierigkeiten gab es hingegen in administrativen Fragen. Zunächst einmal wurde Information überhaupt nicht weitergegeben, schon gar nicht rechtzeitig. Zum Beispiel rannte eine Kommillitonin einen halben Tag verzweifelt durch mehrere Gebäude, um sich ihren Englischkurs anerkennen zu lassen, was dann “ausnahmsweise” huldvoll genehmigt wurde, anstatt ihr von Anfang an mitzuteilen, welchen Kurs sie belegen muss. Einen Professor zu erreichen war nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. E-mails wurden zum Teil grundsätzlich nicht beantwortet. Aber selbst wenn man selbst versuchte, sich Informationen zu beschaffen, fühlte sich dann niemand verantwortlich; man wurde im Kreis herumgeschickt und erreichte am Ende gar nichts, weil Formular A38 noch nicht ausgefüllt war. Die Aufspaltung in Fachgebiete, die gefühlt nichts miteinander zu schaffen haben wollen, aber alle unterschiedliche Vorstellungen von Formaten für Arbeiten haben, führte gelegentlich zu Verwirrungen.

Positiv anzumerken sind die mündlich abgehaltenen Prüfungen. Dies ermöglichte einerseits, tatsächlich zu demonstrieren, was man wusste, statt die Prüfung aufgrund eines Flüchtigkeitsfehlers bei Frage 7 b Unterpunkt 2 zu vergeigen. Andererseits war es schwieriger, “auf Lücke” zu lernen, da man ja nicht wusste, welcher Teil abgefragt wurde. Hatte man Pech, musste man genau das wissen, was man gerade nicht gelernt hatte, während in einer schriftlichen Prüfung dann nur etwa 20% fehlen würden.

Insgesamt betrachtet machte das Darmstädter System auf mich den Eindruck von großer Freiheit in der Spezialisierung, welcher aber offensichtlich mit einem Hang zu fehlenden oder falschen Informationen gekoppelt war. Positiv hervorheben lässt sich auch die Wahl äußerst aktueller Themen für die Vorlesungen, die einem auch eine breitgefächterte Vorstellung über die aktuellen Forschungsmöglichkeiten gewährleistete.

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About corneliya

M.Sc. FAME (Functional and Advanced Materials Engineering) INP Grenoble & TU Darmstadt BEng (Hons) Materials Science and Engineering, University of Liverpool PhD Student KIT
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