Zum Frauentag

Aus gegebenem Anlass mal wieder ein weniger wissenschaftlicher Artikel. Das iom3 (Institute of Materials, Minerals and Mining) hat letztens in seiner Zeitschrift eine recht groß angelegte interne Studie veröffentlicht, warum es – immer noch! – so weniger Frauen in technischen Berufen gibt. Nachdem die Damen – Ingenieurinnen, Professorinnen, Wissenschaftlerinnen – mehr oder minder mit denselben Argumenten aufwarten konnten, die ich schon seit Jahren von mir gebe, ist möglicherweise etwas dran. Alle Frauen seien aufgefordert, mir zuzustimmen oder zu widersprechen.

  1. Erziehung. Oder besser gesagt: das kontinuierliche Eintrichtern von mangelndem Selbstwertgefühl im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. In meiner persönlichen Erfahrung ging das in der Grundschule los und zog sich bis zum Abitur. Andauernd hatte man Lehrer und Eltern, die einem bei jeder sich bietenden Gelegenheit erklärten, dass Mädchen in Mathe und Physik nicht so gut seien wie die Jungs. Angeblich sei das “statistisch bewiesen”. Ich glaube davon kein Wort. Aber Kinder sind so beeinflussbar, sie sind es gewohnt, die Aussagen von Erwachsenen für bare Münze zu nehmen. Wenn man ihnen nur lange genug vorbetet, dass sie es eh nicht können, dann werden sie es glauben – und dementsprechend Naturwissenschaften ablehnen, abwählen und garantiert nicht studieren. Denn wenn man es tatsächlich mal geschafft hat, bis zum Abitur durchzuhalten, und nun verlauten lässt, dass man gerne Physik studieren möchte, kommt sofort die ungläubige Reaktion “und das traust Du Dir zu?”. Nach dem zehnten Mal fängt selbst die zuversichtliche Schülerin an, daran zu zweifeln, ob sie es sich zutraut.
  2. Fehlende Vorbilder. Dies ist eher ein Argument von Seiten des iom3. Gewissermaßen mag das stimmen – man neigt dazu, zumindest als Kind die Berufe in Erwägung zu ziehen, die die Erwachsenen um einen herum haben. Da es kaum weibliche Ingenieure gibt, könnte man auf die Idee kommen, dass wenige Mädchen auf die Idee kommen, Physik zu studieren. Nun hatte ich allerdings den Fall einer Mutter mit einem naturwissenschaftlichen Diplom – und wenn ich ehrlich bin, ist es wohl ihrem Einfluss zuzuschreiben, dass ich mir erlaubt habe, zumindest Chemie so sehr zu lieben, dass ich mich durch meinen Leistungskurs in ein naturwissenschaftliches Studium habe drängen lassen – und bin überglücklich darüber. An der Universität wird man nämlich endlich einmal tatsächlich gleichgestellt mit männlichen Studenten.
  3. Mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das ist allerdings kein naturwissenschaftliches Problem – das ist ein globales Problem, zu dem es einiges zu sagen gäbe. Wir befinden uns in der etwas unrealistischen Situation, dass von einem erwartet wird, eine Karriere zu haben, und die Familie dem anzupassen. Als könnte man der Natur ein derartiges Schnippchen schlagen! Hunderttausend Jahre Evolution haben dazu geführt, dass Frauen Kinder haben wollen, und dass das beste Alter dafür nun einmal zwischen zwanzig und dreißig liegt. Eher in der ersten Hälfte dieses Zeitraums. Inzwischen gilt aber sogar während des Studiums zu heiraten in diesem Land als Ankündigung, dass man keine Karriere möchte – ich muss es wissen, ich bin verheiratet und musste mir eine Menge Kommentare disbezüglich anhören. Die ganze Welt meckert darüber, dass wir nicht genug Kinder bekommen – und gleichzeitig macht man es einem unsäglich schwer, die Kinder dann zu bekommen, wenn es biologisch vorgesehen ist. Die meisten Frauen haben Angst, abgeschrieben zu werden, und warten so lange mit dem Kinderkriegen, bis es zu spät ist. Das richtig Traurige an der Sache ist, dass sich die meisten Frauen nicht einmal mehr trauen, an diesem System zu rütteln. Sie arbeiten härter als irgendeiner ihrer männlichen Kollegen, akzeptieren schlechtere Bezahlung, höhere Krankenkassenbeiträge und verzichten ohne zu murren darauf, Kinder zu bekommen. Sie treiben sich in den Burn-out in dem Versuch “mit den männlichen Kollegen mithalten zu müssen”.

Ich glaube langsam, die Frage ist nicht, warum so wenige Frauen naturwissenschaftliche Berufe ergreifen, die Frage ist eher, warum wir diesen unhaltbaren Zustand ertragen? Wir verhalten uns als müssten wir den Männern gegenüber dankbar sein, dass sie uns zu schlechteren Bedingungen arbeiten lassen. Ganz ehrlich – stattdessen sollten wir uns ein Beispiel an den Frauen in Afrika und den USA nehmen und in Sexstreik treten, bis wir 50% weibliche Firmenvorstände haben, mindestens 45% Ingenieurinnen, und verdammt nochmal faire Bezahlung und Krippenplätze sowie eine Flexibilisierung des Studiensystems vom Bachelor bis zur Habilitation die es uns erlaubt, Kinder zu bekommen, wenn wir es wollen. Karrieren gehören um die Familie herumkonstruiert, nicht anders herum. Warum tun wir das nicht?

Ich glaube, ein Problem ist tatsächlich die gesellschaftliche Auffassung, dass Frauen, die arbeiten, Rabenmütter wären. Nun kenne ich zufällig eine Menge berufstätiger Frauen – die von ihren Kindern vergöttert werden. Man kann über den Sozialismus viel sagen – aber er hat dafür gesorgt, dass Frauen völlig natürlich und problemlos studieren, dabei Kinder kriegen und arbeiten können. Keines dieser Kinder war mehr vernachlässigt als die Kinder von Frauen, die daheim sind. Dennoch lassen wir uns mit derselben Masche einlullen, die schon das Christentum benutzt(e) – ein kontinuierlich schlechtes Gewissen. Wir werden dazu gebracht uns für jede Stunde Arbeit, die wir leisten, für jeden Erfolg, schuldig zu fühlen, weil das ja bestimmt auf Kosten unserer Kinder geht.

Das zweite Problem ist meiner Meinung nach die Art und Weise, in der die feministische Fraktion sich den Respekt verspielt. Meine Achtung an die Soufragetten, aber irgendwie assoziieren wir Feminismus inzwischen mit Diskussionen ob es frauenverachtend ist, “Studenten” zu sagen, oder ob man tatsächlich zu Salzstreuerin übergehen sollte. Wenn also nun eine Frau zu Recht protestiert, dass sie weniger bezahlt bekommt, obwohl sie mehr arbeitet und das Firmenkonto nicht für die Begleichung ihrer Bordellschulden benutzt, dann lautet die Antwort darauf: “jaja, und als nächstes müssen wir Arbeiter_Innen sagen”. Selbst wenn man also aus der Falle des schlechten Gewissens rauskommt, wird man also nicht ernst genommen.

Ich habe auch keine Lösung, aber ich möchte von ganzen Herzen zum Internationalen Frauentag gratulieren, den vielen Frauen, die arbeiten, schaffen, Kinder erziehen, forschen, kämpfen und leiden, den Frauen Zentralafrikanischer Staaten, die mit Sexentzug für Demokratie kämpfen, den Liberal Ladies Who Lunch, den Bewohnerinnen des Dorfes Umoja.

About corneliya

M.Sc. FAME (Functional and Advanced Materials Engineering) INP Grenoble & TU Darmstadt BEng (Hons) Materials Science and Engineering, University of Liverpool PhD Student KIT
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