Naturwissenschaftliche Bildung in Europa – Teil 1: England

Von einer sehr persönlichen Perspektive aus werde ich mal versuchen, eine Art Eindruck der universitären Bildung in Naturwissenschaften in Europa zu geben. Chronologisch – wie ich sie erfahren habe.

Und somit landen wir bei England. Ich werde mich auf England konzentrieren, vielleicht den ein oder anderen überlieferten Kommentar aus Schottland einflechten, aber von Wales und Nordirland weiß ich nichts, daher halt ich den Mund.

Ich habe von nicht wenigen mir die Verteufelung des englischen Bildungssystems anhören müssen, weil es angeblich die von vielen ziemlich verurteilte Modularisierung der deutschen Studiengänge im Rahmen des Bologna-Prozesses erfunden hat. Ich behaupte jedoch, dass das nicht stimmt. Meine erste Studienerfahrung war in England, und ich habe mitunter sehr gute Erinnerungen daran, dies ist also nicht als objektive, allgemeingültige Studie zu verstehen, sondern als eine Art Vorstellung.

Das englische Universitätssystem besteht aus vier Ebenen: Oxbridge (Oxford und Cambridge), der Russell Group, allen anderen Unis und Colleges. Beherrscht wird dieses System (abgesehen vielleicht von Oxbridge) von einem allmächtigen Imperator, dem Ranking. Wer hoch im Ranking steht, kriegt viele zahlende Studenten, aber auch Fördergelder. Also wollen alle hoch im Ranking stehen. Colleges bezeichnen je nach Standort eine Art FOS oder eine FH. Oxbridge ist immer noch die Krone der Schöpfung, dafür hält es sich auch.

Ich habe in England Materialwissenschaften und Ingenieurwesen studiert. Fachlich gesehen waren die ersten zwei Jahre eher langweilig. Viele Grundlagen, keinerlei Auswahlmöglichkeiten – doch das ist wohl allen naturwissenschaftlichen Studiengängen ähnlich – man muss erst einmal die physikalischen und mathematischen Grundlagen schaffen, bevor man zu den interessanten Dingen kommt, wie Supraleiter, Solarzellen und Superparamagnetische Nanopartikel. Das leuchtet durchaus ein. Auch der Zwang, Dinge wie Project Management lernen zu müssen, ist in Wirklichkeit durchaus nützlich, egal, welchen Beruf man am Ende macht.

Das richtig nervige war die Anwesenheitspflicht – theoretisch muss man an jeder Vorlesung teilnehmen. Das ist natürlich Blödsinn, weil manche einfach langweilig und kontraproduktiv sind. Andererseits ist in England das Ziel, etwa 15% der Studenten im ersten Jahr loszuwerden – und den Rest aber bis zum Abschluss zu bringen. Klausuren sollen so konzipiert seien, dass die meisten Studenten durchkommen – dafür gibt es nur eine Wiederholungsmöglichkeit und keine Gelegenheit, eine nicht genehme Note zu verbessern.

Letzendlich verwehrt einem eine englische Universität das Studieren von Nebenfächern – allerdings gibt es durchaus Doppelstudiengänge, in denen man z.B. Irish Literature and Music kombinieren kann. Nachdem aber ein Ingenieursstudiengang in erster Linie Ingenieure produziert, besteht zumindest die University of Liverpool darauf, ihren Studenten auch die erwarteten Kenntnisse zu vermitteln: wie funktioniert ein Designprozess? Wie arbeitet man im Team? Wie motiviert man Mitarbeiter? Wie schreibt man überhaupt einen Bericht? In Schottland arbeiten Ingenieurstudenten von Anfang an oft mit professionellen Ingenieuren zusammen um so gleich die Anwendung ihres Studiums zu erlernen.

Der Prozess, aus Schülern Studenten zu machen, findet in England erst in den ersten vier Semestern statt. In Deutschland ist der Plan, dass dieser Prozess in der Kollegstufe erfolgen sollte – was aber ehrlich gesagt nicht gerade gut funktioniert… Im Laufe des Studiums werden aus den doch sehr einfachen, mehr oder weniger diktierten Praktika kleine Projekte welche schließlich in die Bachelorarbeit münden. Man kann sich darüber beschweren, dass die Studenten nicht gleich als solche behandelt werden – spätestens im letzten Studienjahr aber war in den Materialwissenschaften viel Eigenregie und zusätzliche Lektüre verlangt. Das Studium verlagerte sich auch außerhalb der Prüfungsphase nach Hause oder und in die Bibliothek und fand nur noch leitfadenartig in den Vorlesungen und Seminaren statt.

Was ich hier mal klären möchte: der Bachelor ist keine Voraussetzung für einen Masterstudiengang. Man schreibt sich gleich in einen Masterstudiengang ein, denn man aber bei Bedarf ein Jahr früher mit einem Bachelorabschluss verlassen kann. Auch kann man sich aus dem Bachelor bei angemessenen Leistungsnachweisen in den Master umschreiben lassen. Wer möchte, kann natürlich einen Bachelor machen und dann an einer anderen Uni und/oder in einem anderen Fach mit dem Master weiterstudieren, man hat dann zum Beispiel die Kombination Bachelor of Engineering und Master of Business oder Master of Business Administration. Genauso ist es aber auch möglich, nach dem Bachelor eine Doktorarbeit zu schreiben und sich somit für eine eher akademisch geprägte Laufbahn zu entscheiden.

Was ich dagegen durchaus anprangern möchte ist das Fehlen von Experimentalvorlesungen – völlig egal, wie gut das Video im Powerpoint ist, nichts ersetzt den Anblick des Professors, der mit einem Gewehr auf eine sich drehende Scheibe feuert… Dennoch ist es gut, dass die Dozenten angehalten werden, Fortbildungskurse in Pädagogik zu besuchen, sich gegenseitig bei Vorlesungen zuhören und insgesamt wenigstens versuchen, die Qualität der Vorlesungen zu verbessern. In den ersten vier Semestern wird man von einem persönlichen Tutor betreut. In der Theorie ist diese Person die erste Anlaufstelle, wenn man Fragen hat. Um den meinigen zu zitieren: er weiß vielleicht nicht die Antwort, aber er kann einem sagen, wer die Antwort wissen könnte. Überhaupt muss ich die Kommunikation an englishen Universitäten loben: Prüfungen, Praktika, Voraussetzungen und Noten werden rechtzeitig und verständlich kommuniziert, es gibt eine zentrale Studentenverwaltung, die administrative Fragen regelt.

Zum Studentenleben in England gehört die Student Union unabdingbar dazu. Grob entspricht das wohl dem Asta. Allerdings gehört der Student Union immer ein Gebäude auf dem Campus. Die Union umfasst sämtliche Clubs, Studentenorganisationen, und bildet die Stimme der Studentenschaft. Der Senat muss bei wichtigen Entscheidungen Studentenvertreter zu den Sitzungen einladen. Die Union unterstützt Studenten bei der Gründung und Administration von politischen, künstlerischen, fachlichen Gruppen (es gehört auch die Pillowfight Society dazu…). Sie organisiert Studentenparties (etwa einmal die Woche, manchmal öfter) und bietet Räume für Theateraufführungen, Debattierklubs und dergleichen. Die Unions koordinierten aber auch die Proteste gegen das Einstampfen gewisser Studiengänge (Philosophie, zum Beispiel) und gegen steigende Studiengebühren.

Was auffällig fehlt ist jedoch eine Mensa – und wer sich über das Mensaessen beschwert, sollte mal drei Jahre lang Sandwiches zum Mittagessen versuchen…

Alles in allem ist das englische Studium vielleicht am Anfang tatsächlich etwas zu sehr bemutternd und bietet einem wenig Möglichkeiten, außerhalb oder anstatt der vorgeschriebenen Vorlesungen und Kurse alternative Veranstaltungen zu besuchen. Andererseits zwingt sie einen auch, sich den berühmten Softskills zu widmen, die nun einmal nötig sind im Beruf. Desweiteren ist auffällig, dass die Dozenten sich um ihre Studenten privat bemühen. Wer Initiative und den Wunsch zum Lernen zeigt, bekommt mehr Tipps, Vorschläge und Hilfestellung, als er sich wünschen kann.

About corneliya

M.Sc. FAME (Functional and Advanced Materials Engineering) INP Grenoble & TU Darmstadt BEng (Hons) Materials Science and Engineering, University of Liverpool PhD Student KIT
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