Naturwissenschaftliche Bildung in Europa – Teil 2: Frankreich

Von einer sehr persönlichen Perspektive aus werde ich mal versuchen, eine Art Eindruck der universitären Bildung in Naturwissenschaften in Europa zu geben. Chronologisch – wie ich sie erfahren habe.

Gleich zu Beginn möchte ich erklären, dass meine zwei Semester in Frankreich im Rahmen des internationalen Studienprogramms FAME stattfanden, was möglicherweise dazu führte, dass ich andere Erfahrungen gemacht habe als der “standard” Student in Frankreich.

Frankreich hat das seltsame System, Ingenieure nicht an Universitäten auszubilden, sondern an den sogenannten Écoles d’Ingénierie. Obwohl man Naturwissenschaften und Ingenieurwesen durchaus auch an Universitäten studieren kann, bevorzugen Arbeitgeber bei weitem Studenten der écoles. Was meiner Meinung nach völlig hirnrissig ist.

Kurze Erklärung. Nach dem Abitur lernen die Studenten wie verrückt, um die Aufnahmeprüfungen zu den classes préparatoires zugelassen zu werden. Das sind zwei Jahre der Hölle an irgendeinem Ort in Frankreich, der aber völlig gleichgültig ist, da die Studenten buchstäblich jede wache Minute mit Lernen oder Unterricht verbringen. Mathematik und theoretische Physik werden gepaukt bis zum Umfallen. Am Ende der Prépa entscheidet die Note, an welche école man kommen kann. Die besten gehen nach Paris, und dann das Ranking hinunter. Nun kommen drei Jahre der Entspannung: es finden zwar jeden Tag ungekürzt acht Stunden Unterricht statt, aber die Prüfungen sind vergleichsweise einfach und die Benotung nicht mehr so lebenswichtig. Die Sommerferien sind vier Monate lang um Praktika in Industrie und Forschungseinrichtungen zu erlauben. Nach fünf Semestern folgt ein Semester Praktikum, welches wie eine Masterarbeit gehandhabt wird, und im Anschluss wird ein Diplom verliehen.

Soviel zur Theorie. Tatsache ist, die meisten Studenten sind nach zwei Jahren Prépa an oder jenseits der Schwelle zum Burnout. Daraus folgt wiederum, dass dem Unterricht nicht gefolgt wird. Auch hier herrscht Anwesenheitspflicht, aber die Klassenräume ähneln eher Cafés als Seminaren. Dafür wird exzessiv getrunken. Richtig reinhängen tun sich die Studenten dann in ihre Praktika, denn hier geht es um den zukünftigen Beruf. Man versucht, Kontakte zu Alumni seiner Schule zu knüpfen und neue Verbindungen zur Industrie zu finden.

Die Praktika in der Schule sind eher praktische Vorführungen. Es gibt in der Theorie auch sogenannte Langzeitprojekte – theoretische und praktische – doch während das theoretische eine reine Bücherrecherche ist, sind die praktischen eine Art Tag der offenen Tür bei einem Forscher. Da keinerlei softskills vermittelt werden hat man den kuriosen Fall, dass Studenten im achten/neunten Semester völlig unfähig sind aus Quellen zu zitieren, wissenschaftliche Arbeiten zu strukturieren oder zu formulieren und von mündlichen Vorträgen will ich gar nicht erst reden.

Wenn mal jemand von verschultem Studium reden will, ist Frankreich das richtige Objekt. Vorlesungen sind aufgebaut wie Schulunterricht mit Tafelanschrift zum kopieren. Es gibt zwei Versionen: entweder es wird extrem wenig Stoff vermittelt, dafür aber fünfmal hintereinander erklärt, bis es der letzte Depp geschnallt hat, oder es wird extrem viel Stoff desinteressiert und in einer einschläfernden, sonoren Art heruntergerattert, bis auch der letzte Depp eingeschlafen ist. Jede Unterrichtseinheit dauert 120 Minuten, ohne Pause. Es ist buchstäblich unmöglich, sich so lange zu konzentrieren, selbst wenn man es versucht.

Die Prüfungen fragen ausschließlich den Stoff der Skripte ab, was natürlich jedwede Heimarbeit und individuelles Lernen überflüssig macht. Besonders erstaunlich mutet an, dass französische Studenten unglaublich fit in Mathe sind – die integrieren Gleichungen mit drei Unbekannten und leiten sie nach der Zeit ab um dann die Annährung an Null zu bestimmen. Es ist wirklich faszinierend. Leider fehlt ihnen aber jegliches Gespür für die sie umgebende Welt, die sie da eigentlich berechnen. Sie reflektieren ihre Ergebnisse nicht, kommen selten auf den Gedanken, ihre Annahmen zu überprüfen und merken nicht, dass sie physikalische Unmöglichkeiten behaupten.

Seltsamerweise scheint das aber auch nicht besonders wichtig zu sein: die écoles d’Ingénierie arbeiten ausgesprochen eng mit Forschungseinrichtungen und vor allem mit der Industrie zusammen und haben daher Einstellungsquoten unter ihren Absolventen, von denen Universitäten nur träumen können. Abgesehen von technischen Fächern ist zumindest Englisch Pflicht, Managementkurse stehen auf dem fixen Stundenplan und wöchentlich einmal Sport ist vorgeschrieben.

Auch in Frankreich gibt es ein reges Studentenleben – Vereinigungen, Klubs, Partys. Die Mensen sind akzeptabel und nicht sehr teuer. Obwohl das Lehrer-Studenten-Verhältnis wie an der Schule ist, zeigen die meisten Dozenten wenig persönliches oder fachliches Interesse an ihren Studenten. Die Open-Door Policy Englands ist hier weitestgehend unbekannt. Informationsfluss – gibt es keinen.

Fazit: Die französische Ingenieursbildung ist von hohem Stellenwert der Theorie geprägt und hat eher den Charakter einer intensiven Schullaufbahn. Darüberhinaus werden die Absolventen bei ihrem Weg in den Beruf stark unterstützt.

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About corneliya

M.Sc. FAME (Functional and Advanced Materials Engineering) INP Grenoble & TU Darmstadt BEng (Hons) Materials Science and Engineering, University of Liverpool PhD Student KIT
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