Aufgrund der aktuellen Misstände in meiner zweiten Heimat muss ich hier mal etwas weniger naturwissenschaftlich und mehr politisch werden. Während die da mein schönes Ungarn kaputtmachen, möchte ich mal eine Geschichte erzählen, von einer doch recht turbulenten und ziemlich alten Beziehung zwischen Ungarn und der Freiheit.
Wir steuern derzeit wieder mal auf den 15. März zu. Nur zur Erinnerung, am 15. März 1848 erhoben sich die Ungarn, um sich den verschiedenen burgoisistischen Revolutionen in Europa anzuschließen. Allerdings ging es für Ungarn um mehr als sozialpolitische Fragen – es ging um die Freiheit von Habsburg, für einen ungarischen Nationalstaat, für Selbstverwaltung der eigenen Angelegenheiten. Erstaunlich war daran nur, dass – Zitat Jókai – sich David gegen Goliath erhob, das kleine, fast vergessene Ungarn gegen eine Großmacht Europas, und sich so gut gegen sie behauptete, dass die Österreicher das Russische Imperium zur Hilfe rufen mussten, um Ungarn niederzuschlagen. Das ist, als würde heute Deutschland die Hilfe Amerikas erbitten, um mit Belgien fertigzuwerden – mehr oder weniger. Über die eigenen Sorgen ist der ungarische Freiheitskampf in der westlichen Geschichtsschreibung (zumindest was den allgemeinen Kenntnisstand betrifft, ich spreche nicht von Forschern, die sich dem Thema intensiv widmeten) eher untergegangen, aber die Ungarn sehen sich als die strahlenden Helden der Freiheit (wobei man nicht vergessen darf, dass sie sich damals nicht um die Aufhebung der Leibeigenschaft gekümmert haben…).
1956 – der ungarische Freiheitskampf der Neuzeit. Die Studenten Ungarns kämpfen für Demokratie und einen unabhängigen Nationalstaat, und für einige Tage gelingt ihnen das auch. Nur um das nochmal klarzustellen: ca. 2500-3000 Menschen waren bereit, für Werte wie Presse- und Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Selbstbestimmung und politische Gerechtigkeit ihr Leben zu lassen, und das vor nicht einmal 60 Jahren!
1989 kämpfen die Ungarn wieder an vorderster Front mit um die Sowjetunion endgültig zu Fall zu bringen, um sich die Demokratie zu erkämpfen, von der sie seit so langer Zeit träumten. Ich möchte hier keine einseitige Darstellung dessen liefern, dass die Ungarn das demokratischste oder freiheitsliebendste Volk der Welt sind, denn das wäre gelogen. Die Unterdrückung der Frau juristisch und sozial, die Leibeigenschaft, und viele andere Beispiele aus der Geschichte Ungarns sprechen dagegen. Aber ich möchte hier zeigen, dass die Ungarn ihre Freiheit durch die Jahrhunderte hindurch schätzten und bereit waren, dafür zu kämpfen. Im Grunde möchte ich hier die Frage stellen: WAS ZUM TEUFEL IST SCHIEFGEGANGEN???
Da ich nicht in Ungarn lebe, muss ich mich auf die Berichte von Freunden, Verwandten und Bekannten verlassen, sowie die Eindrücke, die ich bei meinen Besuchen mitnehme. Und dann gibt es noch sehr nützliche Blogs wie Pusztaranger, die ab und zu genauer hinschauen und einem zur Abwechselung mal Fakten präsentieren.
Mal abgesehen davon, dass die Lebensqualität drastisch sinkt, finde ich es noch bedenklicher, dass die Werte, für die so lange gekämpft wurde, sinken. Ich höre es immer wieder, dass man vorsichtig sein muss mit dem, was man sagt. Es gab schon Zeiten, wo man sich beherrschen musste, wo man nicht unbedenklich seine Meinung kundtun konnte, ohne gleich sozial oder beruflich Nachteile davonzutragen. Das scheint wieder erreicht zu sein.
Pressefreiheit ist inzwischen sowieso ein Fremdwort geworden. Népszabadság hat eine “Nachrichtenmatrix” auf seiner Homepage:

Wie deutlich zu sehen ist, wird einem gleich gezeigt, welche Nachrichten “lesenswert” sind und welche man gar nicht erst zu beachten braucht. Interessanterweise sind es meistens die kleinen Kästchen mit unlesbarer Schrift, die die Links zu wirklich interessanten Artikeln verdecken.
Nun eine kleine Kostprobe des Schreibstils:
“A közlemény szerint Róth Péter, a párt városi elnöke a történtekről kedden értesült a demonstráció egyik – magát megnevezni nem kívánó – résztvevőjétől, akinek az elmondása szerint a tüntetésről hazatérő néhány fős csapatot a város egyik forgalmas közterületén erőfölényben levő, szervezett csoport benyomását keltő ismeretlenek támadták meg, s előbb szidták, később tettleg is bántalmazták őket.
A testi sértésen túl megtaposták, meggyalázták a nemzeti lobogót, megrongálták a demonstrációról hazatérőknél levő transzparenseket – állítja a közlemény.
“A támadók magyarságukban, emberi méltóságukban és becsületükben is megsértették a Magyarország kormánya melletti kiállásukat felvállaló fehérváriakat, gyalázkodó és obszcén kifejezésekkel illetve őket” – olvasható a közleményben.”
Zu Deutsch:
“Dem Bericht nach erfuhr Peter Roth, der Stadtvorsitzende der Partei am Dienstag von den Geschehnissen, durch einen – anonym bleiben wollenden – Teilnehmer” – klingt nach einem anonymen Denunziationsbrief à la Monte Cristo. – “Nach seiner Beschreibung befand sich eine kleine Gruppe der Teilnehmer auf dem Heimweg von der Demonstration, als sie auf einem belebten Ort von sich in der Überzahl befindlichen und organisierten Eindruck machenden Unbekannten angegriffen worden seien.” Sie erweckten also einen organisierten Eindruck und griffen feige die Minderheit an. Nur um gleich festzuhalten, wer die Bösen sind, und dass das Böse mit Prinzip handelt. “Sie griffen die Demonstranten verbal wie tätlich an.
“Darüber hinaus zertrampelten und entehrten die Nationalflagge und zerstörten die Transparente der Heimkehrenden – behauptet der Bericht” – Besonders interessant. Zur Zeit scheint Entehrung der Nationalflagge, der Nationalfarben, des Nationalpudels (wenn’s einen gäbe) zu den größtmöglichen Verbrechen zu zählen und man macht sich dessen schnell schuldig. Mittelstufe, Geschichtsunterricht, Neuzeit – klingelt’s? Wo der kleinste Kritikpunkt an der Regierung als Hochverrat ausgelegt wird, fühle ich persönlich mich ein wenig unter Druck gesetzt. Patriotismus und Stolz auf seine Heimat sind Gefühle, die jedem zustehen. Ich finde auch nicht, dass das Herumtrampeln auf Nationalflaggen zum guten Ton gehört, doch viel lieber Nationalflaggen als Roma, und Romaprügeln scheint sich zum neuen Nationalsport zu entwickeln – verbal, tätlich und psychisch. Der Nachsatz “behauptet der Bericht” ist besonders trickreich. In der Entrüstung über den verletzten Nationalstolz liest der Durchschnittsleser diesen dezenten Hinweis auf den unbewiesenen Status der Meldung nicht mehr. Abgesehen davon stellt man im Ungarischen, wenn man etwas betonen will, das besagte Etwas an den ANFANG des Satzes – der Schluss ist also per Definition eher den unbedeutenden Deteils reserviert.
Weiter im Text: “Die Angreifer beleidigten die Fehervarer, die ihrer Unterstützung der Regierung Ausdruck verleihten, in ihrer Eigenschaft als Ungarn, in ihrer Menschenwürde und Ehre durch erniedrigende und obszöne Ausdrücke – im Bericht nachzulesen.” Weil ich mich nicht wiederholen möchte, werde ich hier nur auf die symbolträchtige Reihenfolge der Beleidigungen hinweisen: es ist also schlimmer, wenn meine “Ungarnheit” (im Ungarischen tatsächlich ein Wort!) verletzt wird, als wenn meiner Menschenwürde das gleiche widerfährt?
So gesehen finde ich die neuen Bestimmungen der Verfassung doch wieder logisch. A.C. Grayling beschreibt in seinem Buch, wie eine Freiheit nach der anderen dem subjektiven Sicherheitswunsch und sogenannten Antiterrorschutz geopfert wird. In Ungarn sieht es mit der Sicherheit nicht besonders gut aus, am wenigsten, wenn man “wie ein Zigeuner aussieht” – die Prügelknaben sehen selten genauer nach. Und als “Chinese” – nach unwiderlegbaren Faschistenlogik jeder Asiat natürlich -, Araber, Schwarzer oder wie auch immer sonst gearteter “Nicht-Ungar” fühlt man sich auch nicht gerade beschützt.
Nein, wir opfern unsere Freiheit der “ungarischen Ehre”, der berühmten “Ungarnheit” – nebenbei, es scheint völlig in Ordnung zu sein, wenn Jobbik – einige der schlimmsten unter den nationalistischen Faschisten, die zur Zeit ihr Unwesen treiben – die Europaflagge öffentlich verbrennt.
Natürlich muss man den Otto-Normalbürger, der nur sieht, wie der Mindestlohn sinkt und die Regierung plant, seine Rente zur Schuldenfinanzierung einzuziehen, von diesen Tatsachen ablenken und in ihm genug Hass wecken, um die schwindenden Anhängerzahlen irgendwie wieder wettzumachen. Am besten funktioniert das? – richtig, mit Paranoia. Also erzähle ich einfach häufig genug, dass sich die EU, die jüdische Weltverschwörung der USA mit den Russen verbündet hat um Ungarn zu kolonialisieren und den ungarischen Ministerpräsidenten zu ersetzen. Klingt unlogisch? – Macht nichts, erzählt man es oft genug, fangen die Leute an, es zu wiederholen. Hauptsache, alle anderen sind gegen uns, die Regierung unsere letzte Hoffnung und alle panisch genug um weder die drastische Verschlechterung ihrer Lebensumstände, noch das Verschwinden der Demokratie zu bemerken.
Ich bin Grayling’s Meinung – bloß, weil die Vorfahren dafür gekämpft haben und dafür gestorben sind, heißt das noch lange nicht, dass es eine gute Sache war (siehe amerikanischer Sezessionskrieg), aber wenn Tausende es für gut genug hielten, um ihr Leben dafür zu geben, dann sollte man vielleicht zweimal drüber nachdenken, ob man die Freiheiten, die mit soviel Blut errungen worden sind, wirklich so leichtfertig über den Haufen werfen sollte, sobald ein größenwahnsinniger Möchtegern-Autokrat namens Orbán den Befehl dazu gibt. Ein Land, dass 5 Jahrhunderte der Fremdherrschaft überdauerte, ohne seine Kultur oder Mentalität aufzugeben, das sich die Freiheit zurückeroberte, ist gerade dabei, sich mit dem größten Eifer selbst zu versklaven und merkt es noch nicht einmal.
Was mir Hoffnung macht – es gibt Leute, die sich wehren, MILLA (“Eine Million für die Pressefreiheit”) z.B., 100 000 Demonstranten am 2.1., es gibt Leute, die ihren Schädel noch einsetzen, z.B. die ihre kritischen und durchaus argumentativen Kommentare auf Nepszabadság online hinterlassen.
Was mir Angst macht ist die unglaubliche Polarisierung im Land, diese furchtbare “mit uns oder gegen uns”-Einstellung, die die Leute in zwei radikalisierte Lager treibt, welche früher oder später mit Fackeln und Forken aufeinander losgehen wird. Ich bekomme das Gefühl, Ungarn bewegt sich auf Messer’s Schneide, und sie wird immer schärfer. Die Frage ist, auf welcher Seite werden wir hinunterstürzen…